Musik: Die besten Alben 2011

Allen Kulturpessimismus zum Trotz, das gute alte Album lebt auch in der digitalen Ära weiter. Manchmal in mutierten Formen wie kostenlosen Mixtapes oder als reines Mp3-Album, aber es besteht immer noch großes Interesse, Musik in ihrem Kontext zu hören und sich für 40 bis 70 Minuten komplett auf einen Künstler einzulassen. Und es gab auch 2011 einige Künstler, die diese Aufmerksamkeit verdienten:

Bon Iver

Bon Iver – Bon Iver
Nach dem Überraschungserfolg seines Debüts For Emma, Forever Ago war Justin Vernon erst einmal mit anderen Dingen beschäftigt. Nach drei Jahren gibt nun das zweite Album, aber das Projekt hat sich seitdem entscheidenend verändert: Statt des introvertierten Ein-Mann-eine-Gitarre-Folk des Erstlings ist Bon Iver nun eine Band mit einem vollerem, poppigeren Sound. Trotzdem besitzen die Songs immer noch diese Intimität und brüchige Schönheit, besonders auf der herausragenden Single Holocene, einem der besten Songs des Jahres. Was auffällt sind die neu hinzugekommenen 80er-Einflüsse: Auf einigen Songs klingt Vernon wie Peter Gabriel, der Closer Beth/Rest könnte direkt von einer Phil Collins-Platte aus dem Jahre 1989 stammen. Aber alles ergibt Sinn und fügt sich zu einem erstaunlich gutes Album zusammen.

Perth
Calgary (DOWNLOAD)
Beth/Rest

Drake Take Care

Drake – Take Care
Drakes zweites Album stand unter einem enormen Erwartungsdruck, war der Vorgänger Thank Me Later nicht nur eine der erfolgreichsten Platten des Jahres 2010, sondern auch ein Kritikerliebling. Aber der Kanadier erfüllte die Erwartungen nicht nur, er lieferte eine CD randvoll mit allerfeinstem Chartpop:
Radiosingles wie Headlines, progressive Beats, Slow Jams und Raps, dazu geschmackssichere Beiträge von Musikern wie Lil Wayne, Rihanna, Jamie XX, The Weeknd, André 3000 und sogar Stevie Wonder. Doch über all dem trohnt Drake, der kein besonders guter Rapper und Sänger ist, das aber durch sein Charisma und seine offene Emotionalität mehr als wett macht.

Crew Love (feat. The Weeknd) (DOWNLOAD)
Take Care (feat. Rihanna)
Doing It Wrong (feat. Stevie Wonder)

Gil Scott-Hero & Jamie XX - We're New Here

Gil Scott-Heron & Jamie XX – We’re New Here
Der im Juni diesen Jahres verstorbene Soul-Sänger und Spoken-Word-Poet Gil Scott-Heron galt mit Songs wie The Revolution Will Not Be Televised als einer der Wegbereiter des HipHop und feierte kurz vor seinem Tod noch ein beeindruckendes Comeback mit dem Album I’m New Here. Electronic-Wunderkind Jamie XX remixte dieses Album seines Idols komplett. We’re New Here begeistert durch das perfekt choreographierte Zusammenspiel von Scott-Herons toller Stimme und den modernen Beats.

I’m New Here
Running
I’ll Take Care Of You

Holy Other With U

Holy Other – With U EP
Holy Other ist ein anonymer Produzent, von dem man nur weiß, dass er aus Manchester stammt und zur Zeit in Berlin lebt. Neben einer Reihe von großartigen Remixen veröffentlichte er 2011 With U, eine EP mit fünf wundervollen Tracks aus dem in diesem Jahr ausgiebig bearbeiteten Spannungsfeld zwischen elektronischer Musik und R’n’B. Mit Vocals, die eigentlich nur aus Satz- oder gar Wortfetzen bestehen und trotzdem große Emotionen ausdrücken.

Yr Love (DOWNLOAD)
Touch (DOWNLOAD)
With U

James Blake – James Blake
Das bekannteste Gesicht dieser Indie-R’n’B/Post-Dubstep-Szene ist der 23jährige James Blake. Der bastelte früher auch Tracks voller Samples wie das tolle CMYK, offenbarte aber auf seinem Debütalbum plötzlich eine großartige Singstimme und ein Gespür für große Melodien. So machte er seine minimalistischen, basslastigen und experimentellen Sounds auch für Pophörer zugänglich und schaffte es damit selbst in die notorisch konservativen deutschen Album-Charts.

I Never Learnt To Share
Limit To Your Love
To Care (Like You)

Kendrick Lamar Section.80

Kendrick Lamar – Section.80
Kendrick Lamar fiel durch seinem Gastrap auf Drakes Take Care auf, mit dem er dem Superstar ein bisschen die Show stahl. Auf Section.80 versucht er sich an nichts weniger als einem Porträt seiner Generation, den in den 80ern unter Ronald Reagan geborenen Amerikanern. Und zwar aller Hautfarben, wie er im programmatischen Opener Fuck Your Ethnicity klarstellt. Um dann Song für Song mit technisch exzellenten und politisch informierten Raps all die kommerziell erfolgreicheren Gangsta-Rapper bloß zu stellen. Ganz ohne Oldschool-Predigt, sondern lebensnah und verdammt cool.

A.D.H.D.
Ronald Reagan Era
HiiiPower

M83 Hurry Up, We're Dreaming

M83 – Hurry Up, We’re Dreaming
Synthiepop machen zur Zeit viele Künstler, aber niemand so episch und begeisternd wie der Franzose Anthony Gonzales.
Sein mittlerweile fünftes Album als M83  ist mit seinen 73 Minuten auf jeden Fall viel zu lang geworden. Aber wer sich durch die 21 Songs durcharbeitet, wird mit einer Menge großartiger Musik belohnt. Und so gibt es neben der Übersingle Midnight City viele andere große Momente zwischen Pop und Electronic.

Intro (feat. Zola Jesus)
Reunion
New Map

The Weeknd House Of Balloons

The Weeknd – House Of Balloons (DOWNLOAD)
Das kostenlos im Internet veröffentlichte erste Mixtape des kanadischen R’n’B-Sängers Abel Tesfaye und seiner Produzenten war eine der meistdiskutierten Veröffentlichungen in diesem Jahr. Gerüchteweise winkte auch schon ein 20-Millionen-Dollar-Vertrag mit einem Major Label, den Tesfaye kühl ablehnte. Aber Hypes gibt es viele, was zählt ist die Musik. Und die ist schlichtweg brilliant. Wunderschön, eingängig, beängstigend, mitreißend und in den besten Momenten all das auf einmal. Album des Jahres, ohne wenn und aber.

House Of Balloons/Glass Table Girls
Wicked Games
Loft Music

Young Galaxy Shapeshifting

Young Galaxy – Shapeshifting
Wenn man daran arbeitet, in seinem Leben ein paar grundlegende Dinge zu ändern, ist ein Album darüber, sein Leben grundlegend zu ändern, ein wertvoller Begleiter. Young Galaxy aus Toronto waren unzufrieden mit ihrem bisherigen Sound als Indieband und dem Verlauf ihrer Kariere und schickten deshalb die Demos ihres neuen Albums an den schwedischen Electronic-Produzenten Dan Lissvik. Dieser zauberte seine entspannten Sounds auf die Songs und schuf damit ein kleines Pop-Meisterwerk.

Blown Minded
We Have Everything (DOWNLOAD)
Cover Your Tracks (DOWNLOAD)

Zola Jesus Conatus

Zola Jesus – Conatus
Wie schon im letzten Jahr schließt die dunkle Pop-Prinzessin Nika Roza Danilova aus den Wäldern Wisconsins die Liste ab. Seitdem hat sie ihren Sound nochmals enorm weiterentwickelt, Conatus ist eine sehr homogene Platte aus elektronischen Beats und düsterem Gesang. Der Soundtrack für kalte Winternächte.

Hikikomori
Seekir (DOWNLOAD)
Skin

2 Antworten

  1. […] Kanadier von Young Galaxy überzeugten mich 2011 mit ihrem tollen Album Shapeshifting, am 16. April erscheint der Nachfolger Ultramarine. Der […]

  2. […] Der Beat ist ganz cool, der Gesang souverän wie immer, aber eigentlich hat Abel Tesfaye zu seinen legendären Mixtapes nichts mehr hinzuzufügen. Und das Video ist auch nur eine recht fade Porno-Provokation, […]

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