Die 10 besten Alben der Dekade

Bereits Anfang des Jahrzehnts wurde durch den Siegeszug von Mp3 und Filesharing der Tod des Album ausgerufen, später noch verstärkt durch last.fm und Musikblogs. Einzelne Tracks, Songs und Remixe standen viel mehr im Mittelpunkt, dies war aber auch eine Reaktion auf den Zerfall der Musikindustrie. Es war für neue Bands viel lukrativer, mit ein paar Tracks Aufmerksamkeit zu erregen und dann für Konzerte, DJ-Sets und Remixe gebucht zu werden, als ein ganzes Album aufzunehmen, dass sich dann schlecht verkaufte. Viele Bands brauchten Jahre, bis sie nach dutzenden Singles ein Debütalbum hatten, manche kamen nicht einmal soweit. Trotzdem gab und gibt es immer noch genügend Künstler, die sich die Mühe machen, nicht nur ein paar Singles und Fülltracks aneinander zu reihen, sondern Kunstwerke zu schaffen, die nur komplett erfahrbar sind, wenn man sie vom ersten bis zum letzten Ton durchhört.

Crystal Castles – Crystal Castles (2008)

So sah die Zukunft aus. 2008 mischte das kanadische Duo, welches vorher vor allem mit Geschrei über Bass und exzellenten Remixen aufgefallen war, Pop, Rock und Techno zu dem abgedrehten 8-Bit-Sound dieses Albums. Es klang, als sie damit alle andere Musik zerstören könnten, ist aber heute schon wieder veralteter als, sagen wir, Interpols erstes Album. Trotzdem knapp vor „Idealism“ von Digitalism das beste Techno-Album der Dekade.

Anspieltipps:

Air War
Courtship Dating
Vanished

Daft Punk – Discovery (2001)

Schon 1997 brachten Daft Punk harten Techno in den Mainstream, mit diesem Album setzten sie noch einen drauf. Dieses Album war eines der ambitioniertesten Multimedia-Projekte (der Film! die Live-Shows! die Roboter!) und um Jahre seiner Zeit voraus für seine Verschmelzung von Techno und Pop, der stilprägend für die zweite Hälfte des Jahrzehnts werden sollte. Aber bei aller musikalischen Relevanz, dieses Album überzeugt einfach durch seine Klasse. Jeder Song ist ein Gewinner, von den vier Singles am Anfang über die Housetracks in der Mitte bis zum 80er-beinflussten Pop am Ende. Egal wie peinlich die Quelle ihrer Samples waren (Barry Manilow!) oder welch seltsame 70er-Disco-Songs ihre Inspiration, damals wurde alles, was Daft Punk anfassten, zu purem, tanzbaren Gold.

Aerodynamic
Digital Love

Something About Us

Deftones – White Pony (2000)

Anfangs des Jahrzehnts erschienen ein paar Rockalben, die den abgenutzten Alternative Rock der 90er mit neuer alter Härte wegfegten. Aber im Gegensatz zu Tools „Lateralus“ oder Queens Of The Stone Ages „Rated R“ bezogen die Deftones aus Sacramento ihren Retro-Rock nicht auf die 70er, sondern auf die 80er mit ihren Metalbands, aber auch Pop-Künstlern wie Duran Duran und The Smiths. Harte Riffs treffen auf düstere Melodien, elektronische Einflüsse auf einen Chino Moreno in Topform: Seine Lyrics reflektieren die Langeweile im Aufwachsen von Mittelstandskindern und die Flucht in Drogen und Gewalt, vorgetragen mit großer Passion. Ein Album voll roher Energie und düsterer Eleganz, so groß, dass die Band bis heute nichts Vergleichbares mehr geschaffen hat.

Digital Bath
Knife Party
Change (In The House Of Flies)

Fever Ray – Fever Ray (2009)

Karin Dreijer Anderson ist zusammen mit ihrem Bruder Olof  „The Knife“ und damit mitverantwortlich für einige der besten musikalischen Momente dieses Jahrzehnts. Während der mehrjährigen Schaffenspause, die sich die Geschwister nach dem Erscheinen von „Silent Shout“ (s.u.) verordnet haben, verfolgte sie eine andere, eigene Version von elektronischer Musik. Weniger im Techno verwurzelt, sondern eher mit englischem Dubstep und skandinavischen Metal verwandt. Ein Album so kalt und schön wie Schnee in der Nacht. Ein weiteres Highlight: die kryptischen Videos:

If I Had A Heart
When I Grow Up
Seven

Gorillaz – Demon Days (2005)

Kein Popalbum hat die Stimmung dieses Jahrzehnts so eingefangen wie Damon Albarns Meisterwerk: Krieg, Terrorparanoia, Vereinsamung und der Wunsch, das alles wegzutanzen. Überragend auch die Musik-Legenden, die auf diesem Album versammelt sind: De La Soul, Shaun Ryder, MF Doom, Ike Turner und andere. Aber das ist kein sinnfreies Namedropping, jeder der aus den verschiedensten Genres stammenden Gäste ordnet sich dem Gesamtkonzept unter und bereichert es dadurch. Die Singles sollten ja immer noch hinlänglich bekannt sein, deshalb gibt es drei der exzellenten Album-Tracks als Anspieltipps:

Last Living Souls
All Alone (feat. Roots Manuva & Martina Topley-Bird)
Kids With Guns (feat. Neneh Cherry)

Interpol – Turn On The Bright Lights (2002)

Was für ein Album. Jeder Song ein kleines Meisterwerk, musikalisch wie lyrisch, perfekte Begleiter für den internen „Struggle“. Sie wurden oft mit Joy Division verglichen, aber in Gegensatz zu diesen sind sie nie depressiv, höchstens melancholisch. Die bekannteren Singles waren auf dem Nachfolger „Antics“, aber die besten Songs dieser Band sind auf „Turn On The Bright Lights“.

Obstacle1
NYC
Leif Erikson

Kode9 & The Spaceape – Memories Of The Future (2006)

Tief aus dem Untergrund kommt dieses Meisterwerk des Dubstep-Genres, welches Kode9 als Produzent und Gründer des Hyperdub-Labels entscheidend prägte. Seine Beats webt er aus Dunkelheit und Bass, während The Spaceape nicht rappt, aber seine Erzählungen sind intensiver und intelligenter als die vieler technisch besserer Rapper. Wie Musik aus einem Ghetto im Jahre 2050.

9 Samurai
Backward
Curious (feat. Ms. Haptic)

The Libertines – Up The Bracket (2002)

Im Laufe des Indie-Rock-Hypes haben viele Bands versucht, wie die großen englischen Punkrockbands Ende der 70er/Anfang der 80er zu klingen, meist mit lächerlichem Resultat. Am Besten heran kam die Band, die es nicht probierte. Die Libertines hatten in sich so viel Punk, soviel Selbstzerstörung, dass ihre Musik automatisch so klang. Klar haben sie vorher The Clash gehört, aber man merkt ihrer Musik an, dass sie nicht kopierten. Stattdessen bringen sie eine Frische in das Genre, die niemand (auch sie selbst nicht auf den zweiten Album und den zahlreichen folgenden Soloprojekten) noch einmal erreichte.

Up The Bracket
The Good Old Days

I Get Along

The Streets – Original Pirate Material (2002)

Debütalben aus England sind eine Klasse für sich. Musikalisch verwurzelt in der großen Pop-Tradition der Insel, lyrisch direkt aus dem realen Leben. Und auch wenn Mike Skinner bei seiner Ein-Mann-Show namens „The Streets“ viel nach Amerika schielt, gibt er seinem HipHop einen definitiv britischen Sound. Die Musik ist von Rave und Elektronik beeinflusst, die Raps können (und sollen!) ihren Akzent nicht verbergen. Aber hier ist nicht so wichtig, wie Skinner rappt, sondern was: unverkennbar englisch und doch für jeden verständlich erzählt er mit genau dem richtigen Witz und der notwendigen Ernsthaftigkeit von Besäufnissen, Clubs, Schlägereien, gewonnener und verlorener Liebe, irgendwo in dem Zeitraum zwischen Kein-Teen-mehr und Noch-nicht-erwachsen.

It’s Too Late
Don’t Mug Yourself
Weak Become Heroes

The Knife – Silent Shout (2006)

Vor Silent Shout waren The Knife eine interessante Band, eines der wenigen intelligenten Danceprojekte, immer auf der Suche nach dem perfekten Sound. Nach dem Album waren sie ein Phänomen, zwar abseits aller Charts, aber mit Fans auf der ganzen Welt, die die unglaubliche Innovationskraft dieser beiden Schweden schätzten. Sie definierten Techno neu, indem sie seine Elemente auseinandernahmen und zu etwas völlig Neuem zusammensetzten. Elektronische Musik wird in den nächsten 10 Jahren weiter eine große Rolle spielen, und viel mehr als zuvor abseits der Tanzflächen. Ein großer Schritt dahin war „Silent Shout“. Techno nicht für die Beine, sondern für den Kopf.

Silent Shout
Like A Pen
Forest Families

Eine Antwort

  1. […] Meine Helden von Crystal Castles bringen im Juni endlich den Nachfolger ihres großartigen Debütalbums heraus. Als Teaser gibt es einen tollen neuen Remix ihres 2007-Tracks Crimewave, der wiederrum ein […]

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