Archive for Dezember 2009

Die 10 besten Alben der Dekade
31. Dezember 2009

Bereits Anfang des Jahrzehnts wurde durch den Siegeszug von Mp3 und Filesharing der Tod des Album ausgerufen, später noch verstärkt durch last.fm und Musikblogs. Einzelne Tracks, Songs und Remixe standen viel mehr im Mittelpunkt, dies war aber auch eine Reaktion auf den Zerfall der Musikindustrie. Es war für neue Bands viel lukrativer, mit ein paar Tracks Aufmerksamkeit zu erregen und dann für Konzerte, DJ-Sets und Remixe gebucht zu werden, als ein ganzes Album aufzunehmen, dass sich dann schlecht verkaufte. Viele Bands brauchten Jahre, bis sie nach dutzenden Singles ein Debütalbum hatten, manche kamen nicht einmal soweit. Trotzdem gab und gibt es immer noch genügend Künstler, die sich die Mühe machen, nicht nur ein paar Singles und Fülltracks aneinander zu reihen, sondern Kunstwerke zu schaffen, die nur komplett erfahrbar sind, wenn man sie vom ersten bis zum letzten Ton durchhört.

Crystal Castles – Crystal Castles (2008)

So sah die Zukunft aus. 2008 mischte das kanadische Duo, welches vorher vor allem mit Geschrei über Bass und exzellenten Remixen aufgefallen war, Pop, Rock und Techno zu dem abgedrehten 8-Bit-Sound dieses Albums. Es klang, als sie damit alle andere Musik zerstören könnten, ist aber heute schon wieder veralteter als, sagen wir, Interpols erstes Album. Trotzdem knapp vor „Idealism“ von Digitalism das beste Techno-Album der Dekade.

Anspieltipps:

Air War
Courtship Dating
Vanished

Daft Punk – Discovery (2001)

Schon 1997 brachten Daft Punk harten Techno in den Mainstream, mit diesem Album setzten sie noch einen drauf. Dieses Album war eines der ambitioniertesten Multimedia-Projekte (der Film! die Live-Shows! die Roboter!) und um Jahre seiner Zeit voraus für seine Verschmelzung von Techno und Pop, der stilprägend für die zweite Hälfte des Jahrzehnts werden sollte. Aber bei aller musikalischen Relevanz, dieses Album überzeugt einfach durch seine Klasse. Jeder Song ist ein Gewinner, von den vier Singles am Anfang über die Housetracks in der Mitte bis zum 80er-beinflussten Pop am Ende. Egal wie peinlich die Quelle ihrer Samples waren (Barry Manilow!) oder welch seltsame 70er-Disco-Songs ihre Inspiration, damals wurde alles, was Daft Punk anfassten, zu purem, tanzbaren Gold.

Aerodynamic
Digital Love

Something About Us

Deftones – White Pony (2000)

Anfangs des Jahrzehnts erschienen ein paar Rockalben, die den abgenutzten Alternative Rock der 90er mit neuer alter Härte wegfegten. Aber im Gegensatz zu Tools „Lateralus“ oder Queens Of The Stone Ages „Rated R“ bezogen die Deftones aus Sacramento ihren Retro-Rock nicht auf die 70er, sondern auf die 80er mit ihren Metalbands, aber auch Pop-Künstlern wie Duran Duran und The Smiths. Harte Riffs treffen auf düstere Melodien, elektronische Einflüsse auf einen Chino Moreno in Topform: Seine Lyrics reflektieren die Langeweile im Aufwachsen von Mittelstandskindern und die Flucht in Drogen und Gewalt, vorgetragen mit großer Passion. Ein Album voll roher Energie und düsterer Eleganz, so groß, dass die Band bis heute nichts Vergleichbares mehr geschaffen hat.

Digital Bath
Knife Party
Change (In The House Of Flies)

Fever Ray – Fever Ray (2009)

Karin Dreijer Anderson ist zusammen mit ihrem Bruder Olof  „The Knife“ und damit mitverantwortlich für einige der besten musikalischen Momente dieses Jahrzehnts. Während der mehrjährigen Schaffenspause, die sich die Geschwister nach dem Erscheinen von „Silent Shout“ (s.u.) verordnet haben, verfolgte sie eine andere, eigene Version von elektronischer Musik. Weniger im Techno verwurzelt, sondern eher mit englischem Dubstep und skandinavischen Metal verwandt. Ein Album so kalt und schön wie Schnee in der Nacht. Ein weiteres Highlight: die kryptischen Videos:

If I Had A Heart
When I Grow Up
Seven

Gorillaz – Demon Days (2005)

Kein Popalbum hat die Stimmung dieses Jahrzehnts so eingefangen wie Damon Albarns Meisterwerk: Krieg, Terrorparanoia, Vereinsamung und der Wunsch, das alles wegzutanzen. Überragend auch die Musik-Legenden, die auf diesem Album versammelt sind: De La Soul, Shaun Ryder, MF Doom, Ike Turner und andere. Aber das ist kein sinnfreies Namedropping, jeder der aus den verschiedensten Genres stammenden Gäste ordnet sich dem Gesamtkonzept unter und bereichert es dadurch. Die Singles sollten ja immer noch hinlänglich bekannt sein, deshalb gibt es drei der exzellenten Album-Tracks als Anspieltipps:

Last Living Souls
All Alone (feat. Roots Manuva & Martina Topley-Bird)
Kids With Guns (feat. Neneh Cherry)

Interpol – Turn On The Bright Lights (2002)

Was für ein Album. Jeder Song ein kleines Meisterwerk, musikalisch wie lyrisch, perfekte Begleiter für den internen „Struggle“. Sie wurden oft mit Joy Division verglichen, aber in Gegensatz zu diesen sind sie nie depressiv, höchstens melancholisch. Die bekannteren Singles waren auf dem Nachfolger „Antics“, aber die besten Songs dieser Band sind auf „Turn On The Bright Lights“.

Obstacle1
NYC
Leif Erikson

Kode9 & The Spaceape – Memories Of The Future (2006)

Tief aus dem Untergrund kommt dieses Meisterwerk des Dubstep-Genres, welches Kode9 als Produzent und Gründer des Hyperdub-Labels entscheidend prägte. Seine Beats webt er aus Dunkelheit und Bass, während The Spaceape nicht rappt, aber seine Erzählungen sind intensiver und intelligenter als die vieler technisch besserer Rapper. Wie Musik aus einem Ghetto im Jahre 2050.

9 Samurai
Backward
Curious (feat. Ms. Haptic)

The Libertines – Up The Bracket (2002)

Im Laufe des Indie-Rock-Hypes haben viele Bands versucht, wie die großen englischen Punkrockbands Ende der 70er/Anfang der 80er zu klingen, meist mit lächerlichem Resultat. Am Besten heran kam die Band, die es nicht probierte. Die Libertines hatten in sich so viel Punk, soviel Selbstzerstörung, dass ihre Musik automatisch so klang. Klar haben sie vorher The Clash gehört, aber man merkt ihrer Musik an, dass sie nicht kopierten. Stattdessen bringen sie eine Frische in das Genre, die niemand (auch sie selbst nicht auf den zweiten Album und den zahlreichen folgenden Soloprojekten) noch einmal erreichte.

Up The Bracket
The Good Old Days

I Get Along

The Streets – Original Pirate Material (2002)

Debütalben aus England sind eine Klasse für sich. Musikalisch verwurzelt in der großen Pop-Tradition der Insel, lyrisch direkt aus dem realen Leben. Und auch wenn Mike Skinner bei seiner Ein-Mann-Show namens „The Streets“ viel nach Amerika schielt, gibt er seinem HipHop einen definitiv britischen Sound. Die Musik ist von Rave und Elektronik beeinflusst, die Raps können (und sollen!) ihren Akzent nicht verbergen. Aber hier ist nicht so wichtig, wie Skinner rappt, sondern was: unverkennbar englisch und doch für jeden verständlich erzählt er mit genau dem richtigen Witz und der notwendigen Ernsthaftigkeit von Besäufnissen, Clubs, Schlägereien, gewonnener und verlorener Liebe, irgendwo in dem Zeitraum zwischen Kein-Teen-mehr und Noch-nicht-erwachsen.

It’s Too Late
Don’t Mug Yourself
Weak Become Heroes

The Knife – Silent Shout (2006)

Vor Silent Shout waren The Knife eine interessante Band, eines der wenigen intelligenten Danceprojekte, immer auf der Suche nach dem perfekten Sound. Nach dem Album waren sie ein Phänomen, zwar abseits aller Charts, aber mit Fans auf der ganzen Welt, die die unglaubliche Innovationskraft dieser beiden Schweden schätzten. Sie definierten Techno neu, indem sie seine Elemente auseinandernahmen und zu etwas völlig Neuem zusammensetzten. Elektronische Musik wird in den nächsten 10 Jahren weiter eine große Rolle spielen, und viel mehr als zuvor abseits der Tanzflächen. Ein großer Schritt dahin war „Silent Shout“. Techno nicht für die Beine, sondern für den Kopf.

Silent Shout
Like A Pen
Forest Families

Die 10 besten Songs der Dekade
28. Dezember 2009

Oh, große Ansage. Aber nach einem knallharten Verdrängungswettbewerb sind sie hier, die definitiv ganz subjektiv besten Songs dieses Jahrzehnts.

Annie – My Heartbeat (2004)

Der Popsong der 00er, geschrieben von der wundervollen Annie und Röyksopp. Sträflich vernachlässigt in den Charts dieser Welt, war er einer der ersten Songs, die vom Internet-Zeitalter und Musik-Blogs  profitierten und über diesem Umweg den Weg zu seinen Fans und auf Platz 1 der Pitchfork-Liste 2004 schaffte. Mit dem Video zum immer wieder neu verlieben.

Bloc Party – Banquet (Phones Disco Edit) (2004)

Bloc Party haben uns viel gute Musik gebracht, aber ihr Durchbruch war auch ihr bester Song. Und Produzent Paul Epworth aka Phones erfindet mit diesem Monster-Remix nebenbei noch den Electro. Und irgendwie stehen wir immer noch Mitte der Dekade in dem kleinen, überfüllten Club und brüllen „She don’t think straight!“

Eminem – Lose Yourself (2002)

Beginn des Jahrzehnts war Eminem DER Superstar. Immer zwischen Genie und Wahnsinn, großartigem Humor und billiger Provokation pendelnd, schuf er mehrer phantastische Alben. Sein bester Moment aber war dieser Song: Ein mitreißender Rap, perfekt um sich vor wichtigen Ereignissen aufzuputschen.

Jay-Z – 99 Problems (2003)

Der Monsterbeat des Jahrzehnts, produziert von Superstar-Produzent Rick Rubin. Aber das wäre nichts, wenn Jay-Z nicht eine der besten Performances seiner Karierre abliefern würde. Cool und trotzdem intensiv erzählt er aus seinen Anfangstagen als Dealer und die darauf folgende Aufsteigergeschichte vom Gangster zum Manager, die Markus Schneider von der Berliner Zeitung einst als „den coolen Gegenentwurf zu unseren Eliten“ bezeichnet hat.

Johnny Cash – Hurt (2003)

Der emotionalste Moment in der Musik der Dekade. Das nach Cashs Tod veröffentlichte Cover eines Nine Inch Nails-Songs war gleichzeitig Trauersong und letzte Ansage, eine letzte Bilanz eines beeindruckenden Lebens.

Kavinsky – Grand Canyon (2007)

Ich habe lange überlegt, ob dieser Track in die Liste gehört. Keine Lyrics, kein Chartpotential, kein Superstar-Produzent á la Justice. Aber wenn ich ihn mir anhöre, kann ich nicht anders, als ihn unglaublich imposant zu finden. Aus Frankreich kam sehr viel gute elektronische Musik diese Dekade, Kavinsky war das Highlight.

M.I.A. – Paper Planes (2007)

Ein großartiger HipHop-Song, basierend auf einem Sample der englischen Punkband The Clash, das Produzent Diplo zur Grundlage dieses Tracks macht. Und die Lyrics sind intelligenter als sie auf den ersten Blick scheinen, geht es hier nicht um Gangsta-Gepose, sondern um Migration und den damit verbunden Ängsten. Auch gut: Der Diplo Street Remix mit Bun B & Rich Boy.

Morrissey – First Of The Gang To Die (2004)

2004 sah das Comeback vom 80er-Helden Morrissey, der Ende der 90er sich mit mehreren schwierigen Alben in die Versenkung manövriert hatte. Der Sound von „You Are The Quarry“ war an die damals aktuelle Indierock-Welle angepasst, aber Morrissey gab den Kids eine Lektion in Sachen Gesang und Bühnenpräsenz, der die wenigsten etwas entgegen zu setzen hatten. Deswegen verkauft er heute noch Hallen aus, während The Bravery & Co. schon längst wieder vergessen sind. Das Highlight war diese romantische Hommage an einen Straßengangster, eingängig, mitreißend und von einzigartiger lyrischer Intelligenz.

The Knife – Pass This On (2003)

The Knife waren das interessanteste Projekt der 00er Jahre. Immer dabei ihren Sound zu verbessern und elektronische Musik in Regionen zu bewegen, die vor ihnen noch nie jemand betreten hat. Trotzdem war ihr bester Moment reiner Pop, wenn auch etwas ungewöhnlich verkleidet. Steeldrums und Südseemelodie, verzehrte Vocals und das Verlangen in Karin Dreijers Stimme ergeben zusammen einen seltsamen, perfekten Song.

Wir sind Helden – Nur ein Wort (2005)

Der beste deutsche Popsong des Jahrzehnts. Eingängig, euphorisch und mitreißend, süß und trotzdem ein bißchen traurig, wirkt er trotz damaliger Dauerrotation im Radio und Musikfernsehen heute noch so frisch wie damals, als man ihn zum ersten Mal gehört hatte.

Frohe Weihnachten!
24. Dezember 2009

Ich wünsche allen ein friedliches Weihnachtsfest und ruhige Feiertage. Demnächst hier: Die besten Songs & Alben des Jahres und des Jahrzehnts.

Musik: Sleigh Bells – Crown On The Ground
15. Dezember 2009

Da sitzt man manchmal gelangweilt ‚rum, hört zum x-ten Mal mittelmäßige Rocksongs auf Motor, und wünscht sich eine musikalische Revolution. Zumindest eine kleine. Wie wäre es denn mal mit Hardcore-R’n’B? Und plötzlich kommt da ein Duo aus Brooklyn (woher auch sonst), bestehend aus einem ehemaligen Hardcore-Gitarristen und einer ehemaligen Girlgroup-Sängerin und nimmt ein Monster von einem Track auf, der tatsächlich brutale Gitarren mit Teen-Pop-Gesang verbindet (und ich rede hier nicht von Nightwish oder Evanesence).

Download über Pitchfork.

Musik: The Big Pink – Velvet
14. Dezember 2009

Nicht von dem etwas zu kommerziellen Dominos täuschen lassen, The Big Pink machen coolen, harten Rock. Hier mit düsterem Bondage-Video.

Auch gut ist Too Young To Love.